{"id":8963,"date":"2020-04-11T20:25:26","date_gmt":"2020-04-11T18:25:26","guid":{"rendered":"https:\/\/weltwaldwiesen.de\/weichenstellen\/?p=8963"},"modified":"2020-04-12T22:25:06","modified_gmt":"2020-04-12T20:25:06","slug":"nackt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.weltwaldwiesen.de\/weichenstellen\/nackt\/","title":{"rendered":"Nacktes \u00dcberleben"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ff0000; font-family: verdana, geneva, sans-serif;\"><strong><span style=\"font-size: 18pt;\">NACKTE ANGST WIRD \u00d6STERLICH GEKLEIDET<\/span><\/strong><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt; font-family: verdana, geneva, sans-serif;\">8. April 2020, 18:54 Uhr<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt; font-family: verdana, geneva, sans-serif;\">Leitartikel <strong>Heribert Prantl <\/strong>(gedruckt SZ 9. April 2020)<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt; font-family: verdana, geneva, sans-serif;\"><strong>Im Corona-Jahr ist Ostern Furcht und Zittern<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt; font-family: verdana, geneva, sans-serif;\">Das Osterfest wird in diesem Jahr \u00fcberschattet vom Karfreitag, und der Karfreitag hat schon vor Wochen begonnen, schleichend, und er will schier nicht enden. Der Karfreitag ist ein stiller Feiertag, der der Verzweiflung einen w\u00fcrdigen Raum gibt. Er ist nicht der Tag des friedlichen Entschlafens, sondern des schmerzhaften\u00a0Sterbens.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt; font-family: verdana, geneva, sans-serif;\">Er erinnert an den Tag, an dem Jesus von Nazareth als junger Mann am Kreuz hingerichtet wurde. Dessen kurzer Weg auf den Tod zu beginnt am Vorabend des Karfreitag in Gethsemane, dem Garten am \u00d6lberg in Jerusalem; und er endet, nachdem er sein Kreuz dorthin selbst hatte schleppen m\u00fcssen, auf dem H\u00fcgel Golgatha. Todeskandidaten damals wurden nackt ausgezogen, an das Kreuz gebunden, manchmal auch noch genagelt, und starben nach stunden-, manchmal auch tagelanger Qual einen\u00a0Erstickungstod.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt; font-family: verdana, geneva, sans-serif;\">Heute, im Jahr 2020, beginnt der Karfreitag f\u00fcr zigtausend Menschen auf der ganzen Welt mit Atemnot, und sie beenden ihn, auf dem Bauch liegend, in einem Notbett im\u00a0Krankenhaus.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt; font-family: verdana, geneva, sans-serif;\">Im christlichen Gedenken folgt dem Tod am Freitag freilich schon am Sonntag seine frohe \u00dcberwindung. &#8222;Am dritten Tage auferstanden von den Toten&#8220; hei\u00dft es im Glaubensbekenntnis. Also: am Freitag gekreuzigt, gestorben und begraben; am<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt; font-family: verdana, geneva, sans-serif;\">Samstag, dem Sabbat, hinabgestiegen in das Reich des Todes; am Sonntag, dem ersten Tag der Woche, auferstanden von den\u00a0Toten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt; font-family: verdana, geneva, sans-serif;\">Diese drei Tage vom Tod zur Auferstehung sind freilich keine kalendarische Zeitangabe; sie sind eine theologische Zeitansage. Der Sabbat, der Tag der Ruhe, in der sich das Leben erneuern und die ganze Sch\u00f6pfung regenerieren soll, wird zum Tag der Totenruhe und Grabesstille, zum hoffnungslosen Stillstand, zum Shutdown des Lebens. Die Auferstehung am Tag danach, dem ersten Tag der Woche, bei Sonnenaufgang, zitiert die Sieben-Tage-Sch\u00f6pfungsgeschichte am Anfang der Bibel; sie steht f\u00fcr den Anfang einer neuen\u00a0Sch\u00f6pfung.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt; font-family: verdana, geneva, sans-serif;\">Vom Sterben bis zur Auferstehung k\u00f6nnen es drei Tage sein, drei Monate oder auch drei Jahre. Im Corona-Jahr 2020 ist das besonders sp\u00fcrbar; die Welt befindet sich seit Wochen im Karfreitag; die Gesellschaft lebt in einer zerdehnten Zeit; und sie wartet auf das, was in der Bibel die Auferstehung hei\u00dft. In den Osterbildern aus allen Jahrhunderten triumphiert der Auferstandene. In den Osterliedern jubelt das Halleluja. Im Osterlachen wird der Tod ausgelacht. Nichts, gar nichts davon in diesem\u00a0Jahr.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt; font-family: verdana, geneva, sans-serif;\">Das Jahr 2020 ist ein Jahr ohne Osterjubel, ohne Halleluja, ohne begl\u00fcckende Osternacht. Es ist ein Jahr ohne Osterlicht und Osterfeuer, ohne Hochamt, ohne Weihrauch und\u00a0Predigt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt; font-family: verdana, geneva, sans-serif;\">Ostern 2020 ist das Hochfest, das kein Fest ist, weil fast alles ausf\u00e4llt, was zu diesem Tag geh\u00f6rt, vor allem die Begegnung der Menschen miteinander. Ostern 2020, das sind die Tage der gro\u00dfen Irritation. Aber eben diese Irritation, die Furcht und die\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt; font-family: verdana, geneva, sans-serif;\">Angst sind etwas Ur-\u00d6sterliches. Die Evangelien schwelgen gerade nicht in triumphalistischen und \u00fcppigen Bildern von der\u00a0Auferstehung.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt; font-family: verdana, geneva, sans-serif;\">Nirgendwo im Neuen Testament wird die Auferstehung selbst geschildert. Alle Geschichten, die erz\u00e4hlt werden, handeln vom Vorher oder vom Nachher. Sie handeln also von Gefangennahme und Tod; und dann folgen die Erz\u00e4hlungen vom leeren Grab und davon, dass der Auferstandene verschiedenen Menschen begegnet, die ihn nicht erkennen, die zweifeln, die ihn f\u00fcr einen Fremden halten &#8211; und in dem Moment, in dem er erkannt wird, ist er schon wieder\u00a0verschwunden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt; font-family: verdana, geneva, sans-serif;\">Ostern hat, zumal dann, wenn man bei Markus, also in der \u00e4ltesten Evangelienliteratur, nachliest, etwas vermeintlich Un\u00f6sterliches: Nicht Freude ist die erste Reaktion, sondern Entsetzen, Furcht und Zittern. Frauen kommen zum Grab, um den toten K\u00f6rper zu salben, und sie reden auf dem Weg noch davon, wer ihnen wohl den schweren Stein vom Eingang des Grabes wegw\u00e4lzt. Als sie hinkommen, ist der Stein schon weg, das Grab ist leer, ein junger Mann sitzt da, Engel wird er nicht genannt, und sagt ihnen, dass der Gesuchte auferstanden sei. Jubel? Freude? Enthusiasmus? Gar nicht, im Gegenteil, die Frauen fliehen: &#8222;Denn Schrecken und Entsetzen hatte sie gepackt. Und sie sagten niemand irgendetwas davon, denn sie f\u00fcrchteten\u00a0sich.&#8220;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt; font-family: verdana, geneva, sans-serif;\">Damit, nicht mit Jubel, sondern mit Irritation, mit Fassungslosigkeit und Schweigen endet die Ostererz\u00e4hlung beim Evangelisten Markus. Sie endet mit gro\u00dfer Sprachlosigkeit. In ihr spiegelt sich die Sprachlosigkeit des Ostern 2020, in der niemand vollmundig von Auferstehung reden mag, selbst die Kirchen\u00a0nicht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt; font-family: verdana, geneva, sans-serif;\"><strong>Mehr ehrliche Hoffnung als sonst<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt; font-family: verdana, geneva, sans-serif;\">Die \u00f6sterlich keimende Hoffnung ist sehr versteckt im Markus-Evangelium. Sie verbirgt sich in einer befremdlichen Szene bei Jesu Gefangennahme im Garten Gethsemane, als alle Getreuen ihn verlassen hatten: Da taucht wie aus dem Nichts ein junger Mann auf, der nur mit einem Tuch bekleidet ist, sozusagen mit dem letzten Hemd; der Mann folgt dem gefangenen Jesus, und als die Soldaten auch ihn packen, l\u00e4sst er das Hemd fallen und l\u00e4uft nackt davon. Der nackt Fl\u00fcchtende geh\u00f6rt in die Metaphorik des Krieges, ist eine Ikone der Apokalyptik, steht f\u00fcr die Nacktheit der Welt, die auch im Jahr 2020 so sp\u00fcrbar ist: <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/coronavirus-masken-schutzkleidung-1.4872398\">Helfern fehlen Schutzmasken<\/a>, Kranken fehlen Medikamente, Experten fehlt Erfahrung, Gefl\u00fcchteten fehlt Schutz. Der junge Mann kehrt wieder am fr\u00fchen Ostermorgen. Er sitzt im leeren Grab, nun mit einem leuchtend wei\u00dfen Gewand bekleidet &#8211; und bezeugt die Auferstehung. Das neue Kleid, das den J\u00fcngling umh\u00fcllt, ist das Gewand zaghafter\u00a0Hoffnung.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt; font-family: verdana, geneva, sans-serif;\">Einmal ist Ostern Freude und Jubel, ein andermal mehr Furcht und Zittern. Im Jahr 2020 ist es letzteres. Aber vielleicht steckt darin mehr Nachdenklichkeit, mehr ehrliche Hoffnung, mehr sensible Sehnsucht als sonst. Es k\u00f6nnte sein, dass die prek\u00e4re Oster-Stille des Jahres 2020 eine besondere Kraft entwickelt. Am ersten Ostern war es\u00a0so.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>NACKTE ANGST WIRD \u00d6STERLICH GEKLEIDET &nbsp; 8. April 2020, 18:54 Uhr Leitartikel Heribert Prantl (gedruckt SZ 9. April 2020) Im Corona-Jahr ist Ostern Furcht und Zittern Das Osterfest wird in diesem Jahr \u00fcberschattet vom Karfreitag, und der Karfreitag hat schon vor Wochen begonnen, schleichend, und er will schier nicht enden. 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